Das Bergstraßen-Gymnasium gedenkt der Opfer des Holocausts

"Ich wünsche mir, dass jemand weiß, dass ich gelebt habe."

Das Bergstraßen-Gymnasium gedenkt der Opfer des Holocausts

Samstag, neun Uhr morgens, klirrende Kälte. Sie wussten nicht, was sie erwartete. Die russischen Soldaten der 100. Infanteriedivision näherten sich vorsichtig dem Gelände, immer noch nahmen sie vereinzelt versprengte deutsche Truppen unter Beschuss.

Als die Rote Armee das erste Tor erreichte, es öffnete und die vordersten Baracken betrat, machte sich Fassungslosigkeit breit. Viel hatten die Veteranen ihm Krieg erlebt, meinten, schon alle Schrecken zu kennen. Doch dies überstieg alle Vorstellungen.

Völlig ausgemergelte Gestalten, Skelette mit Haut überzogen und leeren Blicken lagen apathisch auf ihren Pritschen. Frauen und Männer, selbst Kinder, in Lumpen bekleidet, mehr tot als lebendig, begriffen noch gar nicht, dass gerade ihre Retter gekommen waren. Mehr als 1200 von den Deutschen zurückgelassene Häftlinge wurden an diesem Tag von den Rotarmisten in Auschwitz befreit. Für die allermeisten kam die Hilfe jedoch zu spät. Etwa 1 Millionen Menschen, zumeist Juden, mussten ihr Leben allein in diesem Lager lassen - zu Tode gefoltert, erschossen, verhungert, vergast. Berge von Brillen, Schuhen, Koffern, Schmuck, selbst zwei Tonnen Haare fanden die russischen Soldaten als stumme Zeugen dieses Verbrechens.

Zum 75. Mal jährte sich nun dieser Tag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Ein Tag, der einen innehalten lässt, der einen Jahr für Jahr vor die Aufgabe stellt, Worte angesichts dieses unbeschreiblichen Grauens zu finden. Wie soll man die eigene Sprachlosigkeit überwinden, wie der Aufgabe der Vermittlung des größten Menschheitsverbrechens als Geschichtslehrer gerecht werden?

Natürlich nimmt das 3. Reich im Geschichtsunterricht des Bergstraßen-Gymnasiums einen großen Stellenwert ein. In der 9. Klasse wie auch in der Kursstufe bildet Hitlers Diktatur einen Schwerpunkt. Doch dies ist angesichts des zunehmenden Antisemitismus` in Deutschland nicht genug. So ergänzen Fahrten in das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof, Filmanalysen während der Projektwoche z.B. in Bezug auf „Schindlers Liste“, Zeitzeugengespräche oder eben der Holocaustgedenktag das pädagogische Konzept.

Dieses Jahr begaben sich die zwei 9. Klassen zusammen mit Frau Kaiser und Herrn Weber auf lokalgeschichtliche Spuren. Hemsbach hatte lange Zeit eine kleine, aber gut funktionierende jüdische Gemeinde, die größten Teils von den Nazis ausgelöscht wurde. Der Erinnerung daran hat sich unter anderem der „Förderverein der ehemaligen Synagoge“ gewidmet, deren Homepage viele Informationen zu den Biografien bietet. So konnten die Schülerinnen und Schüler Kurzvorträge vorbereiten, um die jeweiligen Einzelschicksale dem Rest der Klasse näher zu bringen. Damit dies nachhaltiger gestaltet werden konnte, trat man einen Rundgang durch Hemsbach an, ausgestattet mit Schwamm, Lappen und Putzmittel. Denn bereits vor Jahren sind „Stolpersteine“ in den Boden vor den jeweiligen Wohnhäusern eingelassen worden, die nun von Dreck und Schmutz befreit werden sollten. Nach eineinhalb Stunden waren alle Messingplatten gesäubert und gleichzeitig den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern mit kleineren Vorträge gedacht. Ganz nach dem Aphorismus aus dem Talmud „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“

Die angehenden Abiturienten der K1 und K 2 begingen den Holocaustgedenktag auf andere Art und Weise. In der Theorie hatten die SchülerInnen der beiden Kurstufen schon häufig gelernt, wie nationalsozialistische Propaganda funktioniert und aussieht. Jetzt konnten sie jedoch selbst erfahren, wie diese auf die zeitgenössische Zuhörerschaft gewirkt haben könnte: Im Brennesselkino Hemsbach, das dankenswerter Weise die nötige Infrastruktur bereitstellte, bekamen die SchülerInnen eine Sondervorführung des Vorbehaltsfilm „Jud Süß“, einem filmischen Prestigeprojekt des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels, zu sehen. Der 1940 nach neuestem Stand der Technik produzierte Film avancierte im 3. Reich zum Blockbuster und brachte antisemitische Stereotype und NS-konforme Weltanschauungen durch die Verballhornung des historischen Stoffes um Joseph Oppenheimer in unzählige Kinos – und die Köpfe der ZuschauerInnen. Um das gesehene einzuordnen, präsentierte ein Mitarbeiter der F.W. Murnau-Stiftung, die die Rechte am Film besitzt, eine Filmanalyse, die einzelne Mechanismen der offenen und subtilen Beeinflussung offenlegten. Die SchülerInnen zeigten sich beeindruckt: Man ertappe sich selbst dabei, wie man der emotionalisierten Darstellung des Films folge, meinte ein Schüler in der anschließenden Diskussionsrunde. Auch die propagandistische Wirkung wurde diskutiert.

Und selbst die Sportler, die an diesem Tag ihr Turnier „Jugend trainiert für Olympia – Handball“ in den Sporthallen des BIZs auszutragen hatten, bekannten sich zu Beginn zu diesem Erinnerungstag. Erik Scheller initiierte eine Aktion, bei der fast jeder Teilnehmer einen Buchstaben der Wörter „we remember, never forget“ hochhielt.

So lässt man am Bergstraßen-Gymnasium nichts unversucht, der Erinnerungsarbeit gerecht zu werden und gleichzeitig für Antisemitismus immun zu machen. Denn die Verantwortung gebietet es uns, es nie wieder soweit kommen zu lassen, dass sich solche schrecklichen Bilder wie vom 27.1.1945 wiederholen - und damit niemand David Berger, der mit 12 Jahren in Auschwitz ermordet wurde, vergisst: „Ich wünsche mir, dass jemand weiß, dass ich gelebt habe."