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Bergstraßen Gymnasium
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Das Grauen hinter dem Paradies



Filmische Produktionen zum Nationalsozialismus gibt es viele und es gibt viele Klassiker darunter: »Schindlers Liste«, »Holocaust« oder »Der Junge im gestreiften Pyjama«. Was kann also eine Neuproduktion hier noch leisten, was nicht durch diese Epochenwerke abgedeckt werden kann?

Mit dieser Frage im Hinterkopf wagten die 9. Klassen des Bergstraßen-Gymnasiums den Blick auf einen neuen Film zum Thema: Kurz nach dem Start in deutschen Kinos besuchten sie in der Hemsbacher Brennessel den Film »Zone of Interest« (2023) von Jonathan Glazer. Der Film behandelt das Leben der Familie von Rudolf Höß, dem Lagerkommandenten von Auschwitz. Dieser
lebte mit seiner Frau Hedwig und den gemeinsamen Kindern direkt an den Mauern des Vernichtungslagers. Sie sahen sich selbst als Pioniere des NS-Gedankens der »Lebensraumpolitik«, d.h. der Inbesitznahme Osteuropas im Name einer sozialdarwinistischen Rassepolitik.

»Das war ganz anders, als wir erwartet haben!« war das Echo der Schüler*innenschaft. »Ich dachte, man sieht mehr von der Gewalt«, »Da wurde gar nicht die Innenseite des Lagers gezeigt« - so einige der Stimmen in der anschließenden Filmbesprechung, die Gabriel Zellmer von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg anleitete.
Die in diesen Aussagen mitschwingende enttäuschte Verwunderung ist der Knackpunkt des Films: Man sieht das Grauen nicht. Man begegnet ihm nur in der kalten Gleichgültigkeit hoher NS-Offiziellen bei der Planung der Vernichtung der ungarischen Jüdinnen und Juden. Man hört es nur als dumpfes Dröhnen und einzelne Schreie, die die Stille über dem kleinbürgerlichen Idyll der Höß’schen Gartenanlage durchschneiden. Man sieht es nur anhand des Rauches über der einfahrenden Lokomotive, die neues »Menschenmaterial« in die Mordfabriken liefert und sieht es als dichte Rauchwolke aus einem Schornstein, die von der Vollbringung des planmäßigen Mordens kündet.

Was die Schüler*innen auf der Ebene des Filmerlebnisses frustrierte, regte in der Diskussion aber zu einer Aktivierung des eigenen Wissens an: »Warum sperrt der ältere Bruder den jüngeren in das Glashaus ein?« -- »Weil er selbst mal Kommandant werden will und die Rolle des Vaters übt«,
»Warum wäscht der Vater seine Kinder nach dem Bad im Fluss?« -- »Weil er einen Knochen darin findet, Asche im Fluss ist und er weiß, dass das aus dem KZ kommt. Der will die Kinder wahrscheinlich reinigen, weil er die Opfer als was Schmutziges sieht.«

So entspannen sich die Dialoge im Publikum, die dann nur an Einzelnen Stellen von Hr. Zellmer mit weiteren Hintergrundinformationen und Einordnungen ergänzt werden mussten.
Die Schüler*innen bewiesen ein beeindruckendes Auge und Verständnis für die Details des Films (Kontrastschnitte, Wesensveränderungen von Charakteren, Symbolsprache des Films) und gelangten so zu der Einsicht, dass deutlich mehr drin steckte, als sie zunächst dachten.

Der Film war eine wichtige Ergänzung der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, weil er auch die Logik anderer Filme hinterfragte: Muss man auf das Grauen draufhalten? Waren die Täter in jeder Sekunde ihres Lebens sadistische Monster? Waren die Frauen in dieser Geschichte die vielzitierten »friedfertigen« bystanders? All das wird verhandelt in einer konstanten und höchst unangenehmen Erwartung des Horrors, der dem Publikum durch die Audiospur vermittelt – aber nie gezeigt wird.
Bei »Zone of Interest« wurde deutlich, dass man manchmal genau hinhören muss, um etwas zu sehen.

Text: Bmg

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