3. Platz im 61. Schülerwettbewerb des Landtages


Wir gratulieren Anna- Lea Florschütz herzlich zum 3. Preis im „ 61. Schülerwettbewerb des Landtages von Baden-Württemberg zur Förderung der politischen Bildung 2018/19“. Anna- Lea überzeugte die Jury und hat den 3. Platz von insgesamt 3.420 eingesandten Wettbewerbsbeiträgen gewonnen. Ihre Kurzgeschichte trägt den Titel „Chemnitz-Am Boden“ und handelt von Übergriffen von rechtsradikalen Demonstranten auf eine wehrlose junge Frau, die sich den Protesten gegen Ausländer nicht anschließen möchte. Für interessierte Leser findet sich ihre Geschichte im Anschluss:

Chemnitz - Am Boden

Februar 2013, ich bin auf dem Weg zur Geburtstagsparty meines besten Freundes. Das Motto ist Ägypten. Er hat nach dem Studium für ungefähr 2 Jahre dort gelebt und vermisst das dortige Lebensgefühl unglaublich. Ich habe mich sehr über die Idee gefreut, ein Stück Ägypten zu uns ins kalte Deutschland zu bringen und hatte viel Spaß dabei, ein Kostüm zu entwerfen. Ich habe mir ein Tuch um den Kopf gebunden und trage ein langes helles Gewand. Darüber habe ich allerdings meine dicke Winterjacke gezogen, da es draußen doch ziemlich kalt geworden ist - und so mache ich mich auf den Weg. Mein Freund wohnt nur einige Straßen entfernt, auf der anderen Seite eines Parks. Als ich an einem etwas weniger beleuchteten Weg vorbei laufe, sehe ich einige Schatten und höre laute Männerstimmen, die sich auf mich zuzubewegen scheinen. „Ey, guckt mal da vorne! Was haben wir denn da? Im Auftrag von Allah unterwegs? Na kommt Jungs, der zeigen wir, was wir hier in unserem Land mit Ausländern machen.“ Ich weiß nur noch, dass sie auf mich eingetreten und mich geschlagen haben, danach wachte ich in einem Krankenwagen wieder auf. Diesen Fremdenhass am eigenen Leib zu spüren, diese Angst und gleichzeitig auch diese Wut auf Menschen, die mich in diesem Moment nicht als Menschen gesehen haben. Das alles ist jetzt schon fünf Jahre her, doch als ich hier am Boden liege, fühlt es sich wieder ganz nah an. Ich atme schnell und mein Herz rast. „Ausländer raus! Ausländer raus!“ höre ich viele Menschen immer wieder rufen, gedämpft durch ein lautes Rauschen in meinen Ohren. Ich will aufstehen, doch werde, sobald ich es versuche, nach unten gedrückt. Panik macht sich in mir breit. Was passiert mit mir? Ich habe kaum Kontrolle über meinen Körper. Erst jetzt spüre ich das Stechen in meiner Brust, das nach jedem Atemzug schlimmer zu werden scheint. Ein junger Mann hilft mir dabei, wieder auf die Beine zu kommen. Ich kriege kaum Luft. Um mich herum stehen überall Menschen und langsam begreife ich wieder, was hier geschieht. Ich stehe auf einem großen Platz, überall auf dem dreckigen Boden liegen Fahnen, Flyer, Becher und Flaschen. Dunkel gekleidete Männer mit kahlrasierten Köpfen versuchen gerade eine Polizeikette zu durchbrechen. Die Kette, die mich von ihnen trennt. Die Polizisten, in voller Montur, drängen sie immer weiter zurück. Weg von uns. Über meinen Kopf fliegen Flaschen, Steine und Straßenschilder und ich befürchte, dass ich getroffen werden könnte. Auf der anderen Seite werden Fahnen mit Hakenkreuzen und rechten Parolen geschwenkt. Etwa zehn Meter von mir entfernt steht ein Journalist, er blutet unter dem Auge und sein T-Shirt ist eingerissen. Als er sieht, dass ich ihn beobachte, läuft er auf mich zu. „Warum sind Sie heute hier? Wofür kämpfen Sie?“, fragt er mich mit ruhiger Stimme. Ich muss einen Moment überlegen, das Stechen in meiner Brust wird langsam erträglicher und auch meine Atmung normalisiert sich. „Ich bin hier, weil ich an ein tolerantes und weltoffenes Deutschland glaube! Ein Land, in dem ich mich nicht dafür schämen muss Deutscher zu sein. Ich bin hier, um der Welt klar zu machen, dass diese Menschen nicht die Meinung aller vertreten. Ich habe eine Stimme und möchte gehört werden!“ Ich bin stolz auf mich, weil ich dieses wichtige Thema in so prägnante Worte fassen konnte. „Sie sind einer von Wenigen, der hier heute überhaupt mit mir spricht“, sagt der Mann. „Ich habe einiges zu hören bekommen. Viele haben mich beleidigt, bespuckt oder versucht mir die Kamera aus der Hand zu reißen. Aber das hält mich nicht auf, denn, wie Sie richtig sagen, es muss sich hier dringend etwas verändern. Und das muss auch jeder mitbekommen!“ Eine ältere Frau, vermutlich um die 50, stellt sich neben den Journalisten und reicht ihm ein feuchtes Taschentuch, damit er sein Gesicht etwas sauber machen kann. „Schrecklich…“, murmelt sie mitfühlend und läuft sofort weiter. Auch ich wende mich von ihm ab und versuche einen Weg durch die Menschenmasse zu finden. Ich bekomme dunklen Rauch von Bengalos in die Augen und halte mir ein Tuch vor den Mund, um nicht alles einzuatmen. Links von mir sehe ich, wie verhüllte Männer Steine durch das Fenster einer Dönerbude an der Ecke werfen. Molotow-Cocktails fliegen hinterher und innerhalb weniger Sekunden steht der ganze Laden in Brand. Ich versuche schnellstmöglich in die andere Richtung zu laufen, doch ich komme nur schwer voran. Um mich herum ist überall Geschrei. Ich höre einige Leute verzweifelt Namen rufen, vermutlich von Freunden oder Bekannten, mit denen sie hier waren. „Wir wollen friedlich demonstrieren“, schallen die hoffnungserweckenden Worte in meinem Kopf vom Anfang der Veranstaltung immer wieder nach. Ich wusste nicht, dass es heute so eskaliert. Aber das wusste vermutlich niemand. Woher auch? Wer rechnet denn mit so etwas? Was eine friedliche Demonstration werden sollte, ist ausgeartet, als wir auf eine Gegendemonstration gestoßen sind. Wie kann das sein? Ein Fehler der Verantwortlichen oder der Polizei? Ich sehe den Zeitungsartikel schon ganz klar vor mir. Diese Schuldfrage wird höchstwahrscheinlich unser eigentliches Anliegen komplett in den Hintergrund rücken. Es geht doch im Grunde genommen darum, dass wir nicht gewalttätig sind. Dass wir Chemnitzer nicht so sind, wie wir in den Medien immer wieder dargestellt werden. Mein Gedankengang wird von einem ohrenbetäubenden Geschrei unterbrochen. Und auf einmal geht alles ganz schnell. Wie eine verängstigte Schafherde setzt sich die Masse in eine Richtung in Bewegung. „Sie sind durch!“ höre ich einen Mann irgendwo in der Menge rufen. „Scheiße, verdammt, jetzt lauft doch!“, ein Anderer. Es bricht Panik aus. Die Gegendemonstranten haben das schwächste Glied gefunden und sind durch die Polizeikette gebrochen. Es ist unfassbar eng, ich werde wahllos zwischen den vielen Menschen hin und her geschoben, als ich plötzlich laute Sirenen höre. Ein harter Wasserstrahl trifft meinen Rücken und ich biege mich vor Schmerzen. Während ich mich langsam umdrehe, sehe ich, wie ein Wasserwerfer die Menge auseinandertreibt. Überall stehen Mannschaftswagen der Polizei und ich suche verzweifelt nach einem sicheren Weg aus dem Chaos. „Ey, guck nicht so blöd!“, „Naa, bist ins falsche Lager geraten, was?“ Ich stehe zwischen drei bedrohlich wirkenden Männern, einer trägt eine Maske, sodass ich nur seine tief schwarzen Augen erkennen kann. Ein anderer, stark muskulöser Mann mit dunklen Haaren baut sich vor mir auf und schlagartig zieht sich mein ganzer Magen zusammen. Dieses Gesicht hat sich bei mir eingebrannt, wie könnte ich das je im Leben wieder vergessen? Diese blaugrauen Augen, die große Nase und die Narbe unterhalb seiner Lippe. Er begegnet mir bereits das zweite Mal. 2013 wirkte er allerdings nicht halb so angsteinflößend, wie er es jetzt tat. Ich bin wie erstarrt, gucke ihn erst an, doch schließe dann die Augen. Ich spüre den Atem des Dritten in meinem Nacken. Jeder noch so kleine Teil meines Körpers macht mir unwiderruflich klar, jetzt keine falsche Bewegung und keinen falschen Ton von mir zu geben, denn ich weiß ganz genau wie das enden könnte. Es kommt mir vor, als würde die Zeit stehen bleiben. Ich suche verzweifelt nach einem Weg dem Ganzen zu entfliehen, doch ich bin unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie eine Gruppe Polizisten in meine Richtung gelaufen kommt. Auch die Männer merken, dass sie näher kommen, doch noch machen sie keinerlei Anstalten mich in Ruhe zu lassen. „Kein Mucks, verstanden?!“, raunt mir der Mann in meinem Rücken zu, „Wir tun dir doch nichts.“ Beim Klang seiner Stimme, gefolgt von seinem hämischen Grinsen, bekomme ich Gänsehaut und es fühlt sich an wie damals. Die Hand auf meiner Schulter packt und drückt mich gewaltsam zu Boden. In diesem Moment rennen zwei der Polizisten auf uns zu. „Halt, Polizei stehen bleiben!“ Die Angreifer rennen in unterschiedliche Richtungen los und ich merke, wie erleichtert ich bin, als sie von mir ablassen. Mit gezücktem Schlagstock nehmen die Beamten die Verfolgung auf. Ich bleibe am Boden liegen und kann immer noch nicht klar denken. Mein ganzer Körper zittert und mein Herz pocht bis zum Hals. Ich schaue mich um und sehe überall verletzte Menschen. An einem Brunnen in der Mitte des Platzes waschen sich einige Frauen die Augen aus. Sie müssen mit Pfefferspray in Kontakt gekommen sein. Eine Schlägerei folgt der anderen. Noch nie habe ich so viel rohe Gewalt auf einem Fleck gesehen. Ich stehe vorsichtig wieder auf und laufe in Richtung des Brunnens, um meine Hände abzuwaschen. Sie sind voller Schürfwunden, Dreck und kleinen Steinchen. Eine junge Frau rennt direkt vor mir auf einen schwarz gekleideten Mann zu. „Du Nazischwein, ihr seid alle gleich! Wie könnt ihr nur so grausam sein?“ In diesem Moment wird die Frau von einem anderen Mann auf den kalten Steinboden geworfen, bespuckt und getreten. Ich halte das nicht mehr aus, meine Augen füllen sich mit Tränen. Ich renne los. Nicht weg, nein! Ich renne in die Mitte des Platzes, klettere auf den Rand des Brunnens, wo ich alles im Überblick habe. Brennende Autoreifen am Fahrbahnrand, überall Glasscherben und Steine. Aus der Dönerbude an der Ecke dringt immer noch schwarzer Qualm. „Das muss aufhören!“, schreie ich immer wieder. „Wir sind Menschen! Menschen, verdammt nochmal, und zwar jeder Einzelne von uns.“ Dann kann ich mich nicht mehr auf den Beinen halten und alles um mich herum wird schwarz.